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1. Bei der Aktiven Sterbehilfe ist zwischen den Wünschen gesunder und schwerkranker Menschen sowie deren Helferinnen und Helfern zu unterscheiden.

2. Sterben, Tod und Trauer lösen bei jedem Menschen (wenigstens unbewusst) tiefe Ängste aus – sei er auch noch so weit vom Tode entfernt. Die Bewältigung der Ängste vor Sterben, Tod und Trauer ist nur schwer leistbar, da diese sozusagen eine Grundkonstante unserer menschlichen Existenz darstellen. Das Ringen um die Bewältigung dieser Ängste stellt eine kulturelle Aufgabe dar, die jede Epoche der Menschheitsgeschichte erneut lösen muss. Empirische Befunde der Sozialpsychologie verweisen darauf, dass ein erheblicher Teil des kulturellen Schaffens aber auch des religiösen Lebens einer Epoche als Teil dieser Bewältigungsstrategie zu verstehen ist.

3. Die heute in den westlichen Industriestaaten vielfach anzutreffende Befürwortung von Aktiver Sterbehilfe durch gesunde Menschen, die vom Tod nicht unmittelbar bedroht sind (Umfragen in der Bevölkerung) lässt sich psychologisch als Versuch verstehen, eine (als überwältigend ängstigend und nicht steuerbar phantasierte) Situation dadurch zu bewältigen, dass durch einen aktiven Eingriff mit Hilfe eines Dritten wieder Macht über die Situation gewonnen wird. Aktive Sterbehilfe ist damit als ein vorweg phantasierter Versuch der Bewältigung der Angst vor dem Tod zu verstehen.

4. Der Wunsch nach Aktiver Sterbehilfe beim terminal Kranken hat eine zusätzliche, andersartige Qualität. Er lässt sich eher aus psychiatrischer Sicht verstehen: Er enthält einen Anteil, den wir als Suizidalität definieren können. Selbsttötungswünsche können im Grunde genommen in allen Lebenskrisen auftauchen – weshalb also nicht auch in der letzten? Auch die Praxis der Sterbegleitung zeigt, dass im Verlaufe fast jedes lang hingezogenen Sterbeprozesses Selbsttötungs-Phantasien und Wünsche auftauchen. Sie sind dann Indiz für eine Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, für die vom Betroffenen keine alternativen Lösungsmöglichkeiten mehr gesehen werden.

5. So wie in jeder schweren Lebenskrise Suizidalität beim direkt Betroffenen entstehen kann, kann angesichts einer schweren Lebenskrise beim Helfenden Homizidalität (Wunsch nach Fremdtötung) entstehen. Auch der Wunsch nach Tötung eines anderen Menschen lässt sich psychiatrisch als Ausdruck der Hilflosigkeit angesichts eines Betroffenen in einer Lebenskrise verstehen, die subjektiv durch andere Mittel nicht lösbar erscheint: z. B. angesichts eines als unveränderbar erlebten Leidens eines dem Helfenden gefühlsmäßig nahe stehenden Menschen mit einer terminalen Erkrankung.

6. Begegnen sich ein in die Nöte schwerster Krankheit unlösbar verstrickter Betroffener mit entsprechender Suizidalität und eine ähnlich in diese Krankheit unlösbar verstrickter Helfer mit entsprechender Homizidalität, besteht die Gefahr einer Entladung des Konfliktes in einem Akt der Aktiven Sterbehilfe  Bei der Aktiven Sterbehilfe kommen also ein suizidaler Mensch und ein homizidaler zusammen (Aktive Sterbehilfe als Konvergenz von Suizidalität und Homizidalität). Durch dieses Zusammentreffen wird die Schwelle für eine (konsensuelle) Tötungshandlung gesenkt. Aktive Sterbehilfe ist also der Ausdruck extremer Not und Hilflosigkeit in der Begegnung zweier Menschen.

7. Hilfe in einer Krise, die durch die Tendenz zur Aktiven Sterbehilfe angezeigt wird, ist nur durch Entlastung von den die Krise unterhaltenden Faktoren für Kranke wie Helfende möglich.

8. Typische Entlastungsmöglichkeiten aus der als ausweglos erlebten Situation bietet das Konzept der Palliative Care („Palliativ-Medizin“) an, mit dem eine umfassende Linderung von körperlichen, seelischen, sozialen und spirituellen Beschwerden gemeint ist. Die breiten Möglichkeiten der Palliative Care werden zurzeit aber weder in der Bundesrepublik noch in den Niederlanden ausreichend genutzt. Dies ergibt sich schon alleine aus der in beiden Ländern noch durchaus entwicklungsbedürftigen Situation der Schmerztherapie. Bei der Umsetzung von Palliative Care-Konzepten kann es aber nicht um die unkritische Vermehrung von stationären Hospizen gehen, sondern es ist wichtig, dass Palliative Care in alle Settings des Gesundheitswesens implementiert wird – insbesondere in Pflegeheime und Krankenhäuser.

9. Kennzeichen der Ausweglosigkeit suizidaler Menschen ebenso wie homizidaler Menschen ist die Isolation. Eine weitere Entlastung für die Betroffenen ist deshalb durch Netzwerkbildungen möglich, die die Isolation der Handelnden lösen können. Hier sind gerade die ambulanten Hospiz-Dienste ein wichtiger Unterstützungsfaktor.

10. In Deutschland ist die Durchsetzung von Konzepten der Palliative Care noch immer strukturell behindert. Deshalb droht hierzulande in besonderer Weise ein Dammbruch in Richtung auf Aktive Sterbehilfe.



Literaturhinweise

Dörner, K., Plog, U., Teller, C.: Irren ist menschlich. Lehrbuch der Psychiatrie und Psychotherapie. Psychiatrie-Verlag, Bonn 2004

Doyle, D., Hanks, G.W.C., Cherny, N., Calman, K (Hrsg.): Oxford Textbook of Palliative Medicine. 3. Auflage, Oxford University Press, Oxford – New York – Tokyo 2003

Klie, T., Student, J.-C.: Die Patientenverfügung – was Sie tun können, um richtig vorzusorgen. 9. Aufl. Verlag Herder, Freiburg 2006

Annedore Napiwotzky und Johann-Christoph Student (Hrsg.):
Was braucht der Mensch am Lebensende? – Ethisches Handeln und medizinische Machbarkeit. (Mit einem Geleitwort von Liliane Juchli.) Kreuz Verlag, Stuttgart 2007

Student, J.-C. (Hrsg.): Das Hospiz-Buch. 4. erweiterte Auflage, Lambertus, Freiburg 1999

Student, J.-C. (Hrsg.): Sterben, Tod und Trauer – Handbuch für Begleitende. Herder, Freiburg 2004 

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