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In der Bundesrepublik sterben jährlich etwa 8.000 Kinder und Jugendliche. Sie sterben in der Regel einen raschen, plötzlichen, in jeder Hinsicht unerwarteten Tod. Die meisten von ihnen sterben bereits kurz vor, während oder nach der Geburt. - Die zweitgrößte Gruppe derjenigen, die in der Kindheit und Jugend den Tod finden, sterben durch Unfälle, insbesondere Verkehrsunfälle. (Hier nimmt die Bundesrepublik unter den westeuropäischen Industrie-Staaten eine traurige Spitzenreiterposition ein.) - An dritter Stelle der Todesursachen im Kindesalter ist der Tod durch Krebs zu nennen. - An vierter Stelle der Todesursachen bei Kindern und Jugendlichen steht dann wieder - bedrückend genug - eine plötzliche Todesart: der Tod durch Selbsttötung.

Der Verlust der Zukunft

Etwa 8.000 Kinder und Jugendliche - als kaltes statistisches Datum mag diese Zahl gering erscheinen. Das Leid der Eltern jedoch, deren Kind stirbt, wiegt umso schwerer. So wie es mir eine alte Frau einmal sagte, die beides erlebt hatte: "Der Mann wird einem von der Seite gerissen - aber ein Kind wird einem aus dem Herzen gerissen."

Sterben passt nicht zu dem Bild, das wir uns von Kindheit und Jugend machen. Kinder stehen doch eher für das Gegenteil, sind ein Symbol für Leben, für Zukunft. Der Tod eines Kindes muss daher stets als ein Tod zur Unzeit erscheinen, ein Tod, der die Naturgesetze auf den Kopf zu stellen droht. Ist es nicht eigentlich die Aufgabe der Kinder, ihre Eltern zu überleben und zu begraben? Was dann, wenn es zur Aufgabe der Eltern wird, ihre Kinder zu Grabe zu tragen? Eltern, deren Kind stirbt, begraben mit diesem Kind zugleich ein entscheidendes Stück Hoffnung auf Zukunft.

Die Eltern erleben den Tod ihres Kindes oftmals wie einen Makel. Sie fragen sich vielleicht verzweifelt: "Sind wir etwa nicht fähig gewesen, unsere eigenen Kinder großzuziehen?" Sie werden darin bestärkt durch Mitmenschen, die so reagieren, als trügen die hinterbliebenen Eltern eine ansteckende Krankheit in sich, vor der man sich schützen müsse - so, als könne sie auch auf das eigene Lebensschicksal übergreifen und andere mit in den Strudel des Verderbens ziehen. Das macht es den Eltern umso schwerer, selbst zu ihrem Schicksal zu stehen und es anzunehmen.

Aber lassen Sie mich nicht länger von abstrakten Kindertoden sprechen. Wenn ich von der Trauer über den Tod eines Kindes schreibe, so denke ich an konkrete Kinder und ihre Eltern:

Zum Beispiel an Jan, der mit 11 Jahren, kurz vor Weihnachten, von einer Straßenbahn erfasst wurde und noch am Unfallort starb. Seine Weihnachtsgeschenke blieben lange Monate unangerührt im Schrank liegen.

Oder ich denke an die 16jährige Christa, die nach langem Kampf gegen eine schwere Krankheit, schließlich ihr Schicksal annahm und starb und die so stark war, dass sie noch ihre Mutter zu trösten verstand.

Oder an Axel, der sich mit 17 Jahren - vielleicht aus Liebeskummer, vielleicht auch aus ganz anderen Gründen - vor den Zug warf und seine Eltern trostlos hinterließ.

Und nicht zuletzt denke ich natürlich an Nina, unsere eigene Tochter, die nur 14 Tage ihre Geburt überlebte und dann an einer schweren Darminfektion unter Qualen auf einer Intensivstation starb.

Damit möchte ich Ihnen zugleich deutlich machen, dass ich mich keineswegs als distanzierter Betrachter der Szene fühle, wenn ich über Kindertod und Elterntrauer schreibe - sofern dies bei diesem Thema überhaupt möglich ist. Ich schreibe vielmehr auch aus der Position des betroffenen Vaters, dessen Tochter schon vor 11 Jahren geboren wurde und kurz darauf starb. In der Zwischenzeit habe ich viele Erfahrungen gemacht, mit mir selbst und mit anderen, ähnlich betroffenen Eltern. Erfahrungen, die sich zwar teilweise auch wissenschaftlich fassen lassen, die aber vor allem Teil lebendiger Leidenserfahrungen bei mir selbst bleiben.

 

Ein unvorhersehbares Wechselbad der Gefühle

Was wir im Alltag so einfach "Trauer" nennen, ist tatsächlich ein äußerst komplexes Phänomen und entzieht sich weitgehend der Regelhaftigkeit. Zwar finden wir - ähnlich wie bei sterbenden Menschen (Kübler-Ross 1969) - auch bei trauernden immer wiederkehrende "typische" Reaktionen (Bowlby 1983, Kast 1982); Ausmaß, Dauer, zeitliche Abfolge jedoch lassen keine strenge Regelhaftigkeit erkennen; denn die individuellen Reaktionen der Hinterbliebenen aber sind so verschieden wie die Fingerabdrücke von Menschen es sind. Die individuellen Reaktionen der Hinterbliebenen sind so verschieden wie die Fingerabdrücke von Menschen es sind. - Das Gemeinsame liegt letztlich nur darin, dass ein wichtiger, ein unersetzlicher Mensch gestorben ist und dieser Verlust bei den Hinterbliebenen eine Fülle schmerzlicher psychischer und physischer Reaktionen auslöst. Und es braucht Zeit, unendlich viel Zeit, bis schließlich wieder die Fähigkeit erlangt wird, das Wagnis einer neuen liebevollen Beziehung einzugehen.

Trauern, das heißt nicht in erster Linie traurig zu sein. Trauer meint vielmehr das Wechselbad an Gefühlen, wie Wut, Verzweiflung, Schuld, Scham und Angst, in nicht vorhersagbarer Intensität und nicht vorhersagbarem Rhythmus. Dies erzeugt bei den Betroffenen subjektiv erlebte Unsicherheit: etwas geschieht mit mir, was ich nicht kontrollieren kann. Die Folgen dieser tiefen Verunsicherung können schwerste psychische Beeinträchtigungen bis hin zur Suchtentwicklung, tiefer Depression und schwerer Suizidalität sein. - Aber nicht nur psychische und psycho-vegetative Störungen sind als Folgen der Trauer bekannt, sondern ebenso körperliche (Joraschky / Köhle 1981; Goldmann-Posch 1988): im mildesten Fall als erhöhte Infektanfälligkeit oder neurologische Beschwerden, insbesondere in den Armen; aber auch in Form schwerer unheilbarer Herz-, Krebs- oder AIDS-Erkrankungen mit tödlichem Ausgang. Beeinträchtigungen, die uns im Lichte neuerer psycho-immunologischer Forschung allmählich verständlicher werden.

 

Die vier Aufgaben der Trauerbegleitung

Trauer ist - wie jede Lebenskrise - ein ungeheuer ansteckender Prozess. Das spüren auch die Helferinnen und Helfer. Sie merken, wie eigene, unerledigte alte Trauer durch die Begegnung mit dem trauernden Menschen wieder emporgespült wird. Das macht Angst. Es provoziert die Suche nach Halt. Vielleicht liegt hier auch die Wurzel manch einer Forschung, die nach gültigen, festen Schemata der Beschreibung von Trauer sucht. Tatsächlich ist Trauer aber ein überaus lebendiger, wenngleich kritischer Lebensprozess, der sich jedem Versuch solch vereinfachender Schematisierung entzieht. Dies zeigt sich gerade in solch mutigen Untersuchungen, wie sie Wortman und Silver (1989) vorgelegt haben und in denen sie einen Gutteil der vermuteten Regelhaftigkeit in das Reich der "Mythen" verweisen.

Dieser Einschränkung wollen wir uns bei der folgenden Reise durch das Land der Trauer bewusst bleiben. Hierbei werden einige häufige Bedürfnisse trauernder Menschen beschrieben und "Aufgaben" genannt, die sich hieraus für Helferinnen und Helfer ergeben. Dabei folgen wir aus methodischen Gründen jedoch ebenfalls einem "Schema", indem wir dem die Vorschläge des nordamerikanischen Trauerforschers William Worden aufgreifen. Er hat vier Aufgaben beschrieben, die Menschen im Verlaufe des Trauerprozesses zu lösen haben und dies zum Anlass genommen, die sich hieraus ergebenden Aufgaben von Helferinnen und Helfern in der Begegnung mit Trauernden zu formulieren (Worden 1989):

1. Die Realität des Todes für die Hinterbliebenen deutlich wahrnehmbar machen.

2.Die Hinterbliebenen den Schmerz der Trauer durchleben lassen.

3. Ihnen die Neuorientierung erleichtern, in einer Welt, in der der verstorbene Mensch fehlt.

4. Sie schließlich ermutigen, neue liebevolle Beziehungen einzugehen.


Trauer ist ein normaler, ein letztlich gesunder Prozess. Er hat das Ziel, den Menschen, der einen schweren Verlust erlitten hat und dadurch aus dem Gleichgewicht geraten ist, zu einem neuen, veränderten Gleichgewicht hinzuführen. Trauerbegleitung hat die Aufgabe, diesen heilsamen Anteil des Prozesses zu fördern, in Bewegung zu halten, Stillstand zu verhindern, Entwicklung zu ermöglichen. Eine Mut und Geduld verlangende Aufgabe, die der einer Hebamme bei der Geburt vergleichbar ist.

 

Trauer beginnen lassen

Was bedeutet die erste Aufgabe der Trauerbegleitung, "die Realität des Todes für die Hinterbliebenen deutlich wahrnehmbar zu machen"? Ist das nicht eigentlich banal? Ist diese Realität nicht gerade der Anlass für die Trauer überhaupt? Was ließe sich da noch fördern? - Bedenken wir, dass Trauer erst wirklich beginnen kann, wenn die Realität des Todes eines Menschen von den Hinterbliebenen wirklich mit allen Sinnen deutlich genug wahrgenommen wird. In unserer Gesellschaft besteht dagegen eine fatale Tendenz, gerade diese Wahrnehmbarkeit des Todes zu vermeiden. Da wird der Verstorbene spätestens nach zwei Stunden von der Krankenstation geschafft ("Wir brauchen doch das Bett wieder"). - Da werden bei plötzlichen Todesfällen die Angehörigen aus dem Notfallraum ferngehalten, anschließend womöglich der Leichnam von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt. - "Behalten Sie ihn lieber so in Erinnerung, wie sie ihn gekannt haben", lautet der gut gemeinte Rat, den manche Ärzte und Bestatter nach einem tödlichen Verkehrsunfall für die Eltern bereithalten. - Oder: "Aus hygienischen Gründen können wir das Berühren der Leiche nicht gestatten", heißt die unmenschliche Auskunft mancher pathologischer Institute. - In ihrer Überfürsorglichkeit verordnen viele Ärzte den schockierten Eltern Beruhigungsmittel, von denen diese oftmals nach Jahren und Jahrzehnten durch Suchttherapeuten wieder entwöhnt werden müssen.

Hinterbliebene sind in dieser Situation schwach. Sie neigen dazu, solchen fatalen Ratschlägen nachzugeben. Sie ahnen nicht, dass sich hierdurch die Trauer oftmals unendlich verzögert. Sie sind nicht in der Lage wahrzunehmen, dass das, was in dieser besonders sensiblen Phase versäumt wird, später oft nur unter größten Mühen nachgeholt werden kann.

Eine not-wendige Aufgabe von Helferinnen und Helfern in dieser Situation ist deshalb: "Eltern den Kontakt mit dem Körper des verstorbenen Kindes zu ermöglichen." (Student / Student 1991). Ihnen muss jede Möglichkeit und vor allem alle nötige Zeit gegeben werden, sich von ihrem Kind auf die ihnen gemäße Art und Weise zu verabschieden. Sie haben ein Recht darauf, hierbei durch den erforderlichen menschlichen Beistand Dritter unterstützt zu werden, wenn sie es wünschen. Wir, als Helferinnen und Helfer, haben nicht das Recht dazu, zu beurteilen und zu bewerten, wie sich Eltern hierbei verhalten und wir können nicht wissen, was für sie gut ist.

Eines der schrecklichsten Fotos das ich gesehen habe, zeigt Klaus, einen 22jährigen Mann, der bei einem Frontalzusammenstoß seines Autos mit einem entgegenkommenden Fahrzeugs tödlich verletzt wurde. Das von seinem Vater aufgenommene Bild zeigt das durch die Unfallfolgen schrecklich entstellte Gesicht des Toten im Sarg. Aber für die Eltern war es ein letztes Geschenk ihres Kindes und von unschätzbarem Wert, ein kostbarer Schatz und eine Brücke auf dem Weg durch die Trauer.

Sandras Mutter, deren Tochter mit neun Monaten am plötzlichen Kindstod starb, tat es wohl, dass sie in der Friedhofskapelle die Möglichkeit bekam, ihre Tochter zu waschen. Es war ihr dabei wichtig, dass sie sich hierzu in einer Thermoskanne warmes Wasser mitbringen konnte. Es wäre ihr unerträglich gewesen, in der kalten Friedhofskapelle auch noch kaltes Wasser für ihr Kind zu nehmen. Nachdem sie ihrer kleinen Tochter anschließend ihre Lieblingskleider angezogen hatte, gab ihr diese letzte Fürsorglichkeit wirklich das Gefühl, das Äußerste für ihr Kind getan zu haben.

Der Kontakt mit dem toten Körper muss Eltern auch bei fehlgebildet geborenen Kindern ermöglicht werden. Selbst bei durch Unfälle verstümmelten Kindern ist es möglich, den Eltern wenigstens einen unversehrten Körperteil des Kindes zu zeigen (Kübler-Ross 1984). Welcher Mutter würde nicht eine Hand ihres Sohnes genügen, um zu erkennen: Das ist wirklich mein Kind. Sie braucht sich dann nicht über Jahre mit Zweifeln zu plagen, ob da nicht eine Verwechslung vorlag und ihr Sohn eigentlich...

 

Trauer schmerzt

Solches zu unterstützten heißt Schmerzen auszulösen - bei sich und anderen. Deshalb ist es wichtig, dass Helferinnen und Helfer diese Schmerzen an sich selbst kennen, ohne davor weglaufen zu müssen. Um die Eltern müssen wir uns hierbei zunächst weit weniger sorgen. Diese sind durch die Natur der Psyche anfangs vor emotionalen Überlastungen geschützt: "Schock" nennen wir den Nebel, in dem sie sich oft in dieser Zeit befinden, ungewöhnlich gefasst wirken, von Unkundigen gar für gefühlskalt gehalten werden. Nicht den Schutz des Schockes zu nehmen ist hier Aufgabe der Helferinnen und Helfer, wohl aber der Seele die Nahrung zu bieten, um Trauer beginnen lassen zu können. Sonst geht es den Eltern wie jener Mutter, der man ihr bei der Geburt gestorbenes Kind gar nicht erst zeigte. "Ich habe mein Kind niemals im Leben auf dem Arm gehabt - habe ich überhaupt jemals ein Kind gehabt?" fragte sie später verzweifelt. - Oder wie Peters Mutter, die, nachdem ihr 16jähriger Sohn einem akuten Herzversagen erlegen war, klagte: "Ich spürte es ganz genau: Ich brauchte noch Zeit, um mich von Peter zu verabschieden. Ich musste ihm doch noch sagen, dass er nun tot sei. Über ihn geworfen habe ich mich im Wiederbelebungsraum. Wollte ganz nahe bei ihm sein - auch weil ich spürte, dass er das noch brauchte. Aber das machte denen wohl Angst. Wahrscheinlich glaubten sie, ich drehe durch, oder so was. Einfach weggerissen haben sie mich da von der Trage."

Meist erst nach Wochen löst sich allmählich der Nebel, der über der leidvollen Szene liegt, lässt die "Polsterung der Seele" nach. Mit Schrecken nehmen die hinterbliebenen Eltern wahr, dass der Schmerz nicht weniger, sondern eher noch tiefer wird; oftmals ein Zeichen dafür, dass die zweite Aufgabe des Trauerberaters jetzt ansteht: "Den Schmerz des Verlustes durchleben lassen." Aber ist das nicht purer Sadismus? Was verlangen wir da vom Trauernden und gar vom Begleiter?

Bedenken wir: Trauer ist stets ein äußerst schmerzhafter Prozess. Schmerzen - seelische wie körperliche - sind wesentlicher Bestandteil der Trauer. Freunde, Nachbarn, Helferinnen und Helfer möchten natürlich nicht, dass die hinterbliebenen Eltern leiden. Also versuchen sie oftmals, sie zu "schonen", sprechen das schreckliche Ereignis nicht an, in der Hoffnung, dass auch die Mutter oder der Vater dann nicht mehr an den Tod des Sohnes oder der Tochter denken müssen. Sie vermeiden es, den Namen des Kindes zu nennen, raten vielleicht, Erinnerungsstücke an das tote Kind schnell beiseite zu schaffen, das Kinderzimmer neuen Aufgaben zuzuführen...

Welch eine Naivität zu glauben, Eltern würden so das Schreckliche vergessen. Eltern, deren Kind gestorben ist, fühlen sich ständig an seinen Tod erinnert. Was ihren Schmerz lindern kann, ist die Erlaubnis, diese Erinnerung zuzulassen. Sie spüren einen tiefen Drang, wieder und wieder über das verstorbene Kind zu sprechen, das vergangene Ereignis wieder lebendig werden zu lassen. Sie möchten über gute und schlimme Erinnerungen sprechen, Bilder wieder lebendig werden lassen, auch wenn es noch so schmerzlich ist. Schlimmer noch ist der Schmerz, wenn all dies unterdrückt werden muss.

 

Selbsthilfe für "Verwaiste Eltern"

Allmählich taucht sogar die Angst auf, die Erinnerung könne allmählich verblassen. Angst also, das Kind gewissermaßen ein zweites Mal zu verlieren. "Wenn ich nicht mehr an Sebastian denke, tut es keiner mehr. Dann erst ist er wirklich und endgültig tot", sagte damals seine Mutter.

Weder Freunde noch Verwandte oder berufliche Helferinnen und Helfer sind bereit und in der Lage, dem Erinnerungsbedürfnis der Eltern wirklich gerecht zu werden. Wer mag schon dieselbe Geschichte wieder und wieder hören? "Es kommt ja auch nichts neues hinzu!", kommentiert eine Mutter dies bitter. Doch, eine Gruppe von Menschen gibt es, die diese ständige Wiederholung von Gleichem auszuhalten vermag: die Gruppe der ähnlich betroffenen Eltern.

Schon in den frühen 70er Jahren erkannte man dies in England und später auch in den USA und gründete dort Selbsthilfegruppen trauernder Eltern ("The Compassionate Friends"). Seit Anfang der 80er Jahre gibt es solche Gruppenzusammenschlüsse auch in Deutschland. Ihren Namen haben sie hierzulande nach dem deutschen Buchtitel eines der wichtigsten Bücher zum Thema gewählt: "Verwaiste Eltern" (Schiff 1990). Allerdings, der Weg in eine Selbsthilfegruppe ist - ganz allgemein - für Menschen nicht einfach. Nur etwa ein Prozent aller Betroffenen finden diesen Weg - unabhängig vom Thema der Selbsthilfegruppe. Die Prognose derer, die diesen Schritt schaffen, ist jedoch erwartungsgemäß besonders günstig. Dies gilt auch für trauernde Eltern. Der Mehrzahl von ihnen gelingt es, bereits innerhalb von ein bis zwei Jahren den schützenden Rahmen der Gruppe wieder zu verlassen und eigene, selbständige, selbstbewusste Wege aus der Trauer zu wählen. Ein langer Weg, der in eine neue, geänderte Identität führt.

Zeit für die dritte Aufgabe der Trauerbegleitung: Neuorientierung in einer Welt zu fördern, in das verstorbene Kind fehlt. Solche Neuorientierung hat viele Gesichter. Sie heißt vielleicht auch neue spirituelle Orientierung. Noch immer wird auch in dieser Zeit noch die "unendliche Frage" nach dem Warum gestellt. Aber die wütenden Reaktionen auf Gott und Kirche werden seltener. Vielfach finden die Eltern jetzt einen Weg in eine neue, reife Religiosität, unter Umständen abseits etablierter Kirchen.

 

Auf der Suche nach dem Sinn

Die Suche nach dem Sinn erhält neue Impulse. Die Fähigkeit, selbst-bewusst zu den neuen Erfahrungen um den Tod des Kindes zu stehen, wächst. Die Abschiedsgeschenke der verstorbenen Kinder können angenommen werden. Dies gilt insbesondere für die große Gruppe derjenigen Eltern, deren Kind einen plötzlichen Tod gestorben ist. Eltern, deren Kind lange Zeit krank war, ehe es starb, finden leichter Zugang zu den Abschiedsgeschenken, die oftmals auch ganz offen von den Kindern so deklariert wurden.

Anders bei plötzlichen Unfalltoden. Die Kinder konnten doch gar nicht wissen, dass sie sterben würden. Oder etwa doch? So erzählte es mir z. B. die Mutter von Jan, der mit drei Jahren in einem kleinen Teich auf dem Nachbargrundstück ertrank. Sie kann sich jetzt mit einem schmerzlichen und zugleich wohligen Gefühl an jene Szene, einen Tag vor dem schrecklichen Ereignis erinnern. Zusammen mit ihrem Mann, saß sie dort auf der Wiese, in der Nähe jenes Unglücksteiches, an dem Jan spielte. Plötzlich unterbricht Jan sein Spiel und läuft ganz unvermittelt auf die Mutter zu, nimmt sie in den Arm, drückt sie und sagt: "Ich mag Dich ganz doll lieb." Dann geht er zu Vater und wiederholt dort, wie ein eingeübtes Ritual dasselbe. Und ebenso unvermittelt, wie er sein Spiel unterbrochen hat, setzt er es dann wieder fort, als sei nichts geschehen.

Die Mitteilung solcher Erfahrungen Dritten gegenüber, markiert häufig den Punkt, an dem das Leiden an der Sinnlosigkeit des Kindertodes laut genug herausgeschrieen worden ist und anderen Empfindungen - wenigstens zeitweise - Platz machen kann.

Manche Eltern erleben den Eintritt in diese neue Aufgabe wie das Auftauchen aus einer schwarzen Höhle. Geblendet vom hellen Licht des Alltages stellen sie fast erschrocken fest: da ist ja noch meine Partnerin oder mein Partner, da sind ja noch Geschwisterkinder, die ihr Recht verlangen - oder inzwischen vielleicht andere Wege gegangen sind. (Erinnert sei in diesem Zusammenhang an die Studie der Stanford University, derzufolge rund 70% aller Ehen in den beiden auf den Kindestod folgenden Jahren getrennt sind.) Hieraus ergeben sich neue - womöglich wiederum schmerzhafte - Aufgaben, die nun zur Bewältigung anstehen und neuer Unterstützung bedürfen.

Abwägende, distanziertere Fragen sind möglich. Auf frisch Betroffene manchmal verletzend wirkende Überlegungen werden angestellt. Vielleicht so, wie es Svens Vater einmal formulierte: "Wenn ich schon so etwas Schlimmes erleben muss, dann habe ich doch das Recht, auch einmal darüber nachzudenken, ob es da nicht auch irgend eine gute Seite an diesem Ereignis gibt."

Und dennoch: Die "Rückfälle" - wie manche Eltern sie nennen - erschrecken immer wieder. Wenn Weihnachten, Geburtstage, Todestage nahen, fällt der Schmerz oftmals in alter Heftigkeit über die Eltern her. Da ist es wieder, das tiefe schwarze Loch, fast so wie am ersten Tage. Aber etwas hat sich doch geändert: es ist mittlerweile Teil der neuen Identität, einer Identität als "verwaiste Eltern" geworden. So wie es eine betroffene Mutter beschreibt:

"Würde ich Dich beschreiben 'Trauer', wärst Du eine schattenhafte, schwarze Gestalt.

Ich habe mit Dir gelebt, seit ich geboren bin, aber in den letzten drei Jahren haben wir miteinander gerungen und Du hast Deine Gestalt verändert.

Immer wenn ich nach dem WARUM fragte:

dann wurdest Du groß, größer als ich - übermächtig!

Aber wenn ich nach dem WAS fragte:

dann wurdest Du kleiner, fassbarer - verhandlungsbereiter. Wir haben gekämpft und verhandelt - bis heute. Manchmal mehr und manchmal weniger.

Du kommst immer noch unangemeldet, überraschend. Aber wir haben uns angefreundet und Kompromisse geschlossen. Ich habe Dich akzeptiert als meinen Wegbegleiter, der mich auch an die Wurzeln erinnert und mich mahnt:

Mein Weg aus der Erstarrung in den Prozess des Wachstums war mir nur möglich, indem ich mich nach Dir umdrehte, Dich ansah, mich dir stellte und so versuchte, Dich zu begreifen." (Hoyer 1991)

 

Neue Identität

Dies ist eine neue Identität, zu der auch der Mut gehört, Neues zu wagen: neue Beruflichkeit vielleicht, ein neues Studium, eine neue Partnerschaft, neue Lebensziele. Die Zeit kommt, in der die Erinnerung an das Kind eine neue Qualität gewinnt. Die Angst, das Kind vergessen zu können, weicht einer schwer erschütterlichen Gewissheit, dass das Kind Teil der eigenen Lebensgeschichte, womöglich gar Teil der eigenen Leiblichkeit geworden ist, unvergesslich, unverlierbar. "Man weiß, dass die akute Trauer nach einem solchen Verlust ablaufen wird, aber man wird ungetröstet bleiben, nie einen Ersatz finden", schreibt Sigmund Freud, selbst betroffener Vater, am 12.04.1929 seinem Freund Binswanger nach dem Tod dessen Sohnes. "Alles, was an die Stelle rückt und wenn es sie auch ganz ausfüllen sollte, bleibt doch etwas anderes. Und eigentlich ist es recht so. Es ist die einzige Art, die Liebe fortzusetzen."

Ganz allmählich ist der Übergang in die letzte Traueraufgabe gelungen - oft nach vielen, vielen Jahren: "Die Fähigkeit einen Teil der intensiven Gefühle vom verstorbenen Kind abzuziehen und das Wagnis einer neuen Liebe einzugehen." Die Erinnerung an das, was war, muss nicht mehr ängstlich festgehalten werden. Der Schmerz ist noch deutlich spürbar, wenn das schreckliche Ereignis zur Sprache kommt. Aber es ist auch genügend Raum für die angenehmen Erinnerungen an fröhliche, gute Zeiten mit dem Kind.

dass neue Liebe auch die Gefahr neuer Schmerzen bedeuten kann, ist fest im Bewusstsein verankert. Aber der Mut ist erstarkt, dieses neue Risiko wieder einzugehen. Freude und Lust sind vielleicht nicht mehr so überschäumend, gewiss auch nicht mehr so unbelastet wie sie einmal waren. Aber es gibt da ein tiefes Wissen um den Sinn des Regenbogens, das Wissen darum, dass Gott - oder wie sein Name auch sonst sein mag - es nicht zulassen wird, dass es noch schlimmer kommt. Ein Wissen auch um die eigene, neugewonnene Stärke. Eine Stärke, die jetzt vielleicht eher als früher nicht nur für selbstbezogene Zwecke sondern auch und vor allem für andere eingesetzt wird. Die Wege des Helfenden und dessen, der Hilfe bedarf, beginnen in der Person des trauernden Menschen zusammenzufließen so wie es in einem Gesang der Mönche der Weston Priory / USA anklingt:

 

"Es gibt eine Kraft in uns,

die die Dinge einfach geschehen lässt,

wenn die Wege anderer Menschen

die unsrigen berühren.

Und wir brauchen dann nichts anderes zu tun,

als einfach dort zu sein

und es geschehen zu lassen.

Wenn einmal der Zeitpunkt

unseres eigenen Sonnenunterganges kommt,

werden all unsere Bemühungen,

Anstrengungen und Erfolge

nur wenig zählen.

Aber die Klarheit und Fürsorglichkeit,

mit der wir andere geliebt haben,

wird mit Kraft

von der großen Gabe des Lebens sprechen,

die wir füreinander waren."

(Quelle: Shanti Nilaya-Liederbuch o.J.)

 

 

Literatur

Bowlby, J.: Verlust, Trauer und Depression. Frankfurt 1983

Goldmann-Posch, U.: Wenn Mütter trauern. München 1988

Hoyer, K.: Du starbst früh. In: Student, J.-C. (Hrsg.): Im Himmel welken Blumen nicht. Herder, Freiburg 2005

Joraschky, P., Köhle, K.: Partnerverlust als Beispiel für psychosoziale Krankheitsentstehung. In: Lehrbuch der psychosomatischen Medizin, hrsgeg. von Th. v. Uexküll. München 1981, Seite 193 ff

Kast, V.: Trauern. Stuttgart 1982

Kübler-Ross, E.: On Death and Dying. Macmillan, London 1969

Kübler-Ross, E.: Kinder und Tod. Kreuz Verlag, Stuttgart 1984

Schiff, H.S.: Verwaiste Eltern. Stuttgart ¨1990*

Student, U., Student, J.-C.: Die Angehörigen. In: J.-C. Student: Das Hospiz-Buch. Lambertus, Freiburg 1991, Seite 97 – 113

Student, J.-C. (Hrsg.): Im Himmel welken keine Blumen - Kinder begegnen dem Tod. 6. Auflage, Verlag Herder, Freiburg 2005
>> Hier ist das Inhaltsverzeichnis

Student, J.-C.: Trauer über den Tod eines Kindes - Hilfen für "Verwaiste Eltern". 10. Aufl. Deutsches Institut für Palliative Care, Bad Krozingen 2007
Den Text der Broschüre können Sie hier als PDF-Datei herunterladen

Worden, J.W.: Beratung und Therapie in Trauerfällen. Bern 1987

Wortman, C., Silver, R.: The Myths of Coping with Loss. J. Consulting and Clinical Psycology 57 (1989) 349 - 357